Freitag, 12. Mai 2017

Vom Affen gebissen

Überraschungsgast im 1. Stock unserer Villa ...
Von der Bamboo-Lodge geht es, nach dem Frühstück und einer Führung über die Plantage, weiter nach unten in Richtung Atalaya am Ufer des Alto Rio de Madre de Dios. Die kurze Führung verschafft der Mannschaft die notwendige Zeit, alles wieder zusammen zu packen und im Auto zu verstauen.

"Birdwatching" vor der Bamboo-Lodge
Unterwegs besuchen wir eine Tierstation. Hier werden kranke und verletzte Wildtiere versorgt, Jungtiere aufgezogen. Diese Tiere werden nicht in Käfigen gehalten und können sich frei bewegen. Sei sind sozusagen freiweillig hier.
Gabriele mit Wollaffenbaby

Nein, das Foto ist nicht verkehrt herum
Eines dieser Tiere ist ein Kapuziner-Affe mit, wie wir leider erst später erfahren, einer besonderen Macke: er betrachtet alle weiblichen Wesen als seinem persönlichen Harem zugehörig. Sofort klettert er an Maries Kameragurt hoch, klammert sich an sie. Mein Fehler: ich stehe zu nah und unterhalte mich mit Maries Freundin Emilie. Das passt ihm gar nicht. Er fletscht die Zähne, springt mir an die Hand und beißt mir in den Daumen. Keine Ahnung, wie ich ihn wieder los geworden bin. Jedenfalls ist die Aufregung beim Personal groß. Ein Pfleger kommt sofort mit Sprühpflaster und versorgt die blutende und recht schmerzhafte Wunde, später desinfiziert sie Ronald nochmals gründlich.
Kurz darauf müssen wir noch einmal anhalten - eine Horde Affen überquert die Strasse. Etwa 10 Meter über uns. Ammar ist hin und weg: "Flying monkeys", juchzt er. Wenigsten sind sie weit genug weg - beißen tut keiner. Anschließend vergleichen wir bei der Weiterfahrt die Fotos: Spiegelreflex gewinnt klar gegen Smartphone.
 

In Atalaya werden wir zunächst mit Gummistiefeln versorgt, das Auto wird komplett entladen und  unser Gepäck sowie die komplette Küche auf ein Boot verladen. Unser Fahrer Emerson bleibt zurück: er versorgt das Auto, muss sich unter anderem um die Reparatur des Reifens kümmern, der unterwegs den Geist aufgab. Dafür wird unsere  Mannnschaft um Milton, el Capitan, und seinen Co-Capitan Hector erweitert. Sie werden uns weiter begleiten. Ohne Gummistiefel. Sie bewältigen alles - inklusive der Dschungelpfade! - barfuss.
 
Milton (41) ...

... und Hector (18)

Geschüttelt, nicht gerührt

... oder: Der Weg ins Amazonastiefland

Wie so oft in Peru ist der Weg Teil des Abenteuers – mal geplant, mal ungeplant.
Am frühen Morgen, kurz nach sechs, machen wir uns auf den Weg in den Manu-Nationalpark: Emerson, unser Fahrer (fährt alles in Flip-Flops!), die Köche Elias und Evaristos, und unser Guja Ronald. 
Ronald , unser Guja (Guide)

Emerson, unser Fahrer
Elias und Evaristos
Als Gäste neben uns an Bord: Marie, Emilie und Stephanie, drei Frankokanadierinnen, Nicole aus Hamburg und ihr Freund Ammar aus London. Und wir beide.
Anfangs geht es auf einer Pista – also einer gut asphaltierten Straße – bis auf 3800 Meter, wo in einem kleinen Andenort Frühstückspause ist. Danach gibt es nur noch Carreterras – mehr oder weniger gut befahrbare, nicht asphaltierte Pisten.  Und je nach Qualität wird man darauf mehr oder weniger durchgeschüttelt.
Auf dem Heimweg ist ein erleichtertes Aufstöhnen zu vernehmen, als wir wieder auf die Pista wechseln. Nach etwa 8 Stunden Rütteln und Schütteln war jeder froh über die plötzliche Stille - wir gleiten dahin.
Ein Teufel aus Paucartambo
Zunächst geht es wieder hinunter. Wir passieren eine Gräberstätte mit sogenannten Chullpas, Grabtürmen, aus der Lupaca-Kultur (Prä-Inka-Zeit) – Fotopause mit kurzen Erklärungen von Ronald. In Paucartambo, einem Zentrum der andinen Kultur, wird wieder eine Pause eingelegt, Museumsbesuch eingeschlossen. 
Die Chullpas von Ninamarca

Der nächste Anstieg führt dann bis auf 3600 Meter und dem "Eingang" zum Manu- Nationalpark, gleichzeitig der Beginn der Nebelwaldregion. Der Platz heißt „Mirador des tres Cruces“ – zu sehen gibt es nichts, alles ist vom Nebel eingehüllt.
Wie Sie sehen, sehen Sie nichts ...
Auf dem Weg nach unten wird die Straße immer schlechter. Wir  steigen immer wieder aus und laufen ein Stück, beobachten und fotografieren Fauna und Flora. Auf 2400m Höhe gibt es Mittagessen: frisch gekocht, mit Tisch und Stofftischdecke, auf Porzellantellern.  Am Straßenrand.
Ein Hualpa (Andenhahn)
Unser Tagesziel ist die Bamboo Lodge auf 700m Höhe – sie liegt mitten in einer Coca-Plantage.
 
Bamboo-Lodge mit Coca-Plantage

La Selva - ein echtes Abenteuer

Es beginnt so harmlos. Das Abenteuer unseres Dschungelaufenthaltes.
Wir sitzen bei gefühlt 30° Celsius und 95 % Luftfeuchtigkeit in der offenen Halle und warten auf das Mittagessen. "Draußen", etwa 30 Meter entfernt, rauscht der Alto Rio Madre De Dios Richtung Amazonas. In den Verbenenbüschen tanzen grüne, blaue und braune Kolibris. Über die warmen Steine huschen braun-rot-grüne Echsen. 
Nach ca. anderthalb Tagen Anreise sind wir in unserem "Basislager" angekommen. Wobei die Reise selbst schon Teil dieses Erlebnisses ist. Dazu später mehr.
Unser Zimmer in der Lodge
Nach dem Essen und einer ausgiebigen Siesta, als die größte Hitze vorbei ist, geht es los - unser erstes Dschungeltrekking. Gummistiefel und Taschen- bzw. Stirnlampen gehören zur Grundausstattung, außerdem noch Fotoapparate und Ferngläser. Es gibt viel zu sehen und zu dokumentieren.
Ronald erklärt
Etwa zwei Stunden dauert unser Marsch durch den Dschungel, immer wieder weist uns Ronald, unser Führer, auf eine Pflanze, einen Baum, ein Termitennest, eine Ameisenstraße hin.
Dass ich tierlieb bin, weiss jeder, der mich kennt. Dass ich dennoch keine Vegetarierin bin, ist auch bekannt. Dass ich allerdings auf unserem Dschungel-Trek ein lebendes Insekt verspeisen würde, und zwar nicht aus Versehen - wer hätte das gedacht? Eine der Kanadierinnen erzählt unterwegs, sie habe bereits Burger aus gerösteten Würmern (!) gegessen. Und das sei ziemlich lecker gewesen. Okay, denke ich, jedem das Seine.
Termitenverkostung
Dann stehen wir vor einem Termitennest, und Ronald erklärt uns, diese Tierchen seien nicht nur nützlich, sondern auch schmackhaft und äußerst gesund. Jede Menge Proteine... Und er kratzt an dem Nest, die kleinen Kerlchen kommen ans Tageslicht, Ronald pickt sie im Pinzettengriff heraus und steckt sie sich in den Mund. Unsere Kanadierin tut es ihm nach, findet den Geschmack ganz apart. Ja, und ich traue mich auch! Die Superportion Protein schmeckt nicht nach Tier, eher nach Holz. Und seltsamerweise graust es mich kein bißchen. Die erste Lektion "Überlebenstraining" ist erfolgreich bestanden.

Ronald sucht die Passage
Zuletzt kommen wir an einen Flussarm. Aha. Und jetzt? Ronald bewaffnet sich tatsächlich mit einem Stock, watet hinein. Wir warten auf einer Kiesbank am Ufer. Er testet die Tiefe aus - wir sollen da tatsächlich alle hindurchwaten! "Es ist nicht mehr weit zur Lodge", erklärt er uns. Er kommt allerdings bald zurück - der Fluss führt zuviel Wasser. Und jetzt? Den ganzen Weg zurück? Es ist halb sechs, es wird schon langsam dunkel.
Ronald holt weitere Stöcke, versucht, sie als Machete zu benutzen. Damit will er das Dickicht am Ufer soweit zurückstutzen, damit
wir an der Uferzone bis zu einem Weg durch den Dschungel waten können. Nach vielleicht 50 Metern kehren wir um - schon wieder zu tief... Wir versammeln uns wieder auf der Kiesbank im Flussarm. Ronald erklärt uns, dass er sich alleine am Ufer bis zur Lodge durchkämpfen will, um noch Unterstützung mit Macheten zu holen. "Es ist nicht mehr weit, dauert vielleicht 10 Minuten". Er macht sich auf den Weg, eine Zeitlang sehen wir noch seine Taschenlampe flackern.Wir warten. Mittlerweile bescheint der fast volle Mond die Szenerie, spendet immerhin etwas Licht.
Eine etwas gespenstische Stimmung: 7 Gäste aus Europa und Nordamerika stehen im Mondlicht auf einer Kiesbank mitten im Dschungel von Peru. Ene riesige Fledermaus flattert über uns hinweg. Möglicherweise dieselbe, die sich kurz darauf in unsere Gruppe verirrt und Gabrieles Kopf streift. Ab und zu flackert ein Licht im Dschungel auf. Ronald? Nö, war wohl doch nur ein Glühwurm (die sind hier ziemlich groß).
...und der Mann im Mond schaut zu
Als dann - nach fast einer Stunde - tatsächlich das Licht zweier Lampen auftaucht, ist die Erleichtung spürbar, wir klatschen Beifall. Ronald ist mit dem Eigner der Lodge gekommen, bewaffnet mit Macheten. Allerdings müssen wir noch mal ca. 40 Minuten durch den Dschungel marschieren, der Weg durch das Wasser ist wegen des ungewohnt hohen Pegels versperrt. Es wird ein regelrechter Gewaltmarsch. Mit Stirn- und Taschenlampen wird der matschige, manchmal steinige, von Wurzeln durchsetzte Pfad ausgeleuchtet. Auf und ab geht es, immer wieder schlängeln sich uns Pflanzenarme und Dornenranken in den Weg. Jeder hilft jedem, so gut es geht - trotz des Tempos und der Müdigkeit kommt niemand zu Fall.
Als wir endlich wieder in der Lodge sind, begrüßt uns der Rest der Begleitmannschaft mit lautem Hallo und Beifall. Der größte Stein - wenn einer reicht - fällt aber garantiert Ronald vom Herzen.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Estamos ocupados todos los dias!

Als kleiner Trost: ein Bild von einer unserer Dschungeltouren
Den geneigten Leser, der ungeduldig auf weitere Nachrichten wartet, bitten wir um Nachsicht: wir sind landunter! Von 8 Uhr morgens bis 22:00 Uhr abends unterwegs, Schule, Verabredungen, geplante und ungeplante Treffen füllen den Tag. Und jetzt wollen wir einfach nur schlafen. Außerdem ist es hier in Cusco viel zu kalt abends, um lange am Rechner zu sitzen. 
Wir geloben Besserung: wir werden die nächsten Tage versuchen, die Rückstände aufzuholen. 
Natürlich ohne Gewähr - wer weiß, wem wir morgen begegnen.

Samstag, 6. Mai 2017

Tsunamis

Wir werden von den Wellen erfasst und haben keine Chance. Es sind die Emotionen, die uns überrollen.
Dreimal sind wir bei Projekten zu Gast, die mit Kindern zu tun haben:
  • Im Krankenhaus Lorena, wo die Kinderleukämiestation von PACAI unterstützt wird (zum Bericht)
  • In drei Schulen, die mit Kinderbüchern aus dem ACUPARI-Projekt beschenkt werden (zum Bericht)
  • In einem Kinderheim für Discapacidades, dem früheren "Hogar de las Estrellas", das heute unter Kusi Wasi, das glückliche Haus, firmiert (zum Bericht)
Dreimal Erfahrungen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Und jedes Mal tief berühren. Wir sehen, was mit den Spenden passiert, bewirkt werden kann, die wir in den letzten zwei Jahren gesammelt und aus eigener Tasche aufgestockt haben. Und wir finden, wir sollten weiter sammeln. Es kommt so viel zurück.
 

Freitag, 5. Mai 2017

Aus Hogar de las Estrellas wurde Kusiwasi

Ein anderer Ort, ein neuer Name, eine andere Organisation - der Zweck bleibt der gleiche. Bei unserem letzten Besuch 2015 firmierte das Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche – das spanische „discapacidad“ klingt viel freundlicher – noch unter dem Namen „Hogar de las Estrellas“. Nicht nur der Name wechselte, von „Heim der Stars“ zu „Glückliches Haus“, auch die Trägerschaft und die Leitung. Die Probleme sind die gleichen: der Basisunterhalt (Miete, Gehälter)  ist gesichert, aber der tägliche Bedarf muss weitgehend aus Spenden finanziert werden. So kommt unser Beitrag, zusammengetragen aus eigenen „Sondereinkünften“ und, im Wesentlichen, dem Ausschank von Wein und Pisco Sour gegen Spenden, sehr gelegen. Davon werden Lebensmittel, Schulsachen, Hygieneartikel, was man halt so braucht, angeschafft.
Der Empfang durch die Kinder ist herzlich. Sofort hängt eine Traube an uns und Flavio, besonders gerne wird das eigene Konterfei  auf dem Monitor der Digitalkamera betrachtet. Soweit Kontakt mit der Außenwelt möglich ist. Besonders auffällig ist das Bedürfnis nach Körperkontakt, nach Zärtlichkeit. Immer wieder werden wir mit „Mama“ und „Papa“ angesprochen. 
Gruppenbild mit Dame ... und Flavio
Priscilla, die Leiterin des Heims
Wie uns Priscilla, die Leiterin, erklärt, sollen die Kindern und Jugendlichen wie Geschwister aufwachsen, soll ihnen ein Gefühl von Familie vermittelt werden. Aggressionen zwischen ihnen treten daher praktisch nicht auf.
 

Donnerstag, 4. Mai 2017

Asosiacion PACAI (II)

Was wird uns erwarten? Flavio hat ja schon im Vorfeld ein wenig berichtet, wir sind gespannt. Das Hospital Lorena besteht aus einer Reihe von verschachtelten Containern. Das neue Kliniksgebäude, dass dieses Provisorium ablösen soll, ist schon seit ein paar Jahren im Bau. Wann es fertig werden soll? Vamos a ver...
Flavio manövriert uns durch die Gänge, begrüßt dort einen Arzt, scherzt da mit den Schwestern, stellt  uns allen vor. Wie überall gibt es freundliche Wangenküßchen zur Begrüßung. Ein Blick in die Krankenzimmer läßt mich erschauern, zehn und mehr Betten, überall wuselnde Menschen. Intimsphäre? Fehlanzeige. Den Fotoapparat mag ich gar nicht benutzen - ich komme mir furchtbar indiskret vor.
Schließlich auf der Station der leukämiekranken Kinder: auch hier werden wir herzlich willkommen geheißen. Pelo, der deutsche Arzt, der dieses Projekt maßgeblich betreut, sitzt über einem Mikroskop. Er freut sich, dass wir vorbei kommen. Flavio begrüßt die Kinder, betritt aber nicht ihr Zimmer. Eine Schwester fragt mich: "Willst du rein?" Klar, nicke ich. Also: Kittel an, Haube auf, Überschuhe übergestreift. 
Es gibt zehn Betten, momentan sind nur vier Kinder auf Station. Einige andere sind zu Hause und werden ambulant behandelt. Die kleinste an Bord, Juliana, fängt sofort an, sich mit mir einen Luftballon zuzuwerfen. Danach spielen wir kichernd Fangen. Als sie davon erschöpft ist, will sie auf meinen Schoß. Die alten Fingerspiele funktionieren auch hier. Und Hoppe-Hoppe-Reiter findet sie ganz toll, immer wieder juchzt sie laut vor Vergnügen. Später ist Turbo-Kuscheln angesagt.  
Als wir gehen müssen, denke ich, dass das gut investierte Zeit war. Denn: es wird viel dafür getan, dass die Kinder gesund werden. Aber es gibt kaum Zeit, mit ihnen zu spielen. 
Später erzählt Flavio, dass das PACAI-Projekt eine dramatische Verbesserung der Heilungsaussichten erreichen konnte: ca. 85% der Kinder werden gesund. Gegenüber nicht mal 5% zuvor. Und nicht zuletzt durch den Wissens-Transfer aus Deutschland gilt diese Station als die derzeit beste in Südperu.